Durch die Salzwüste

Zurück in Uyuni fanden wir ein Zimmer, das deutlich weniger grauenhaft war als das, das wir einige Tage zuvor bei unserer Durchreise bewohnt hatten. Den Abend verbrachten wir am Eisenbahnfriedhof von Uyuni.


Der Eisenbahnfriedhof von Uyuni ist berühmt, und er ist einer der atmosphärischsten Orte, die ich in meinem Leben gesehen habe. Jahrzehntelang wurden in der Wüste südlich von Uyuni ausgemusterte Dampfloks und Waggons abgestellt und ihrem Schicksal überlassen. Dort stehen sie jetzt und versinken im Sand. Die Abendsonne tauchte die rostigen Lokomotiven in ein goldenes Licht, kein Laut war zu hören. Wo mochten diese Züge hingefahren sein, und wie lange war das schon her? Es gibt wenige Orte, an denen einem die Vergänglichkeit der Zeiten so eindrücklich vor Augen geführt wird wie in Uyuni.


Am nächsten Tag standen wir früh auf und bestritten den unvermeidlichen Verhandlungsmarathon. Es gibt dutzende Anbieter, die eine dreitägige Jeep-Tour durch den Salar anbieten, allerdings genießen nur zwei davon einen guten Leumund. Einer der beiden respektablen Anbieter war uns zu teuer, der andere ausgebucht.


Das Risiko fährt auf der wunderschönen Route durch die Salzwüste und das südwestbolivianische Hochland immer mit: Auf mehreren hundert Kilometern trifft man hier keine Menschen, Wege im eigentlichen Wortsinn gibt es auch nicht. Die Jeeps der allermeisten Anbieter sind in einem furchterregenden Zustand, die Fahrer bisweilen alkoholisiert. Helikopterflüge werden aufgrund der Höhenlage (4.850 Meter bei den Dampfsäulen von Sol de Mañana) auch im Notfall nicht durchgeführt.


Unser Fahrer war nicht der umgänglichste Mensch der Welt, aber er war Gesprächen nicht grundsätzlich abgeneigt, und er trank nicht, sondern begnügte sich mit Kokamampfen. Der Jeep sah soweit ganz passabel aus, allerdings hatte er im Laufe eines langen Autolebens die Seitenspiegel eingebüßt. Mit von der Partie waren drei Israelis und eine US-Amerikanerin.


Zunächst hielten wir noch einmal am Eisenbahnfriedhof. Die Lichtstimmung des Vorabends war fort, und bei dutzenden Touristen, die auf den Fahrzeugen herumkrabbeln, kann man das Fotografieren getrost vergessen. Wir begutachteten einen Bereich am Rande der Anlage, für den am Abend das Licht nicht mehr gereicht hatte, und gesellten uns dann wieder zu den anderen. Wenig später rollten wir durch die größte Salzwüste der Welt.


Im Oktober ist die Oberfläche des Salar wasserfrei und vom Wüstensand bereits ein wenig eingefärbt. Unter der Salzkruste mit ihren fünfeckigen Ablagerungen ist das Wasser um die 100 Meter tief, aber die Fahrer kennen die Uferstellen und die Wasserlöcher, die es zu vermeiden gilt. Der Salzsee ist größer als ganz Kärnten, und die Orientierungspunkte am Horizont sind nicht immer auszumachen. José Luis, der Fahrer, erzählte mir stolz, dass er sich in 18 Jahren Salzwüste kein einziges Mal verfahren hätte.


Am Beginn der Fahrt über das Salz standen der Besuch eines kleinen, salzverarbeitenden Betriebes, und eine Fotopause. Auf der kontrastarmen, endlosen Salzkruste verschwimmen die Proportionen, was es ermöglicht, mit kleinen Gegenständen lustige Aufnahmen zu machen. Die Israelis hatten vorgesorgt, vom Smartie-Regen über den obligatorischen Dinosaurier, vor dem man davonläuft, hatten sie alles im Programm.


Wir hatten uns keine Gedanken über den bevorstehenden Fototermin gemacht, aber als wir die Israelis eifrig mit ihrer Kamera herumfuhrwerken sahen, sahen wir nach, was unsere Rucksäcke zu bieten hatten. Wir fanden ein kleines Wörterbuch, einen winzigen gehäkelten Hut an einem Schlüsselanhänger, einen Lutscher und eine Banane. Vom Fahrer erbaten wir uns Ketchup und ein Messer. Die Resultate sind unten in der Fotogalerie zu sehen.


José Luis, unser Fahrer, hatte eine recht angenehme Eigenschaft: Er stresste uns nicht. Wir fuhren weiter, sobald wir Lust dazu hatten. Während die Jeeps der unterschiedlichen Anbieter üblicherweise im Konvoi verkehren, war unser Auto drei Tage lang alleine auf weiter Flur.


Mitten in der Salzwüste liegt die Kaktusinsel Incahuasi. Der Eintritt, der verlangt wurde, war exorbitant, vor allem angesichts der Tatsache, dass der einzige, kurze Weg nicht an die schönsten Stellen der Insel führt. Ich joggte also um die Insel herum, fand eine Stelle, an der die Salzkruste solide genug für einen Landgang war, und kletterte die Felsen hinauf. Toll wars! Am Rückweg riss mir der Wind mein Kapperl vom Kopf. Es wurde mit einer solchen Geschwindigkeit über das Salz geblasen, dass mir nichts anderes übrig blieb, als aus dem Sprint draufzuspringen.


Als ich zurückerobert hatte, was mir gehört, ging es weiter, die Amerikanerin, die zwei Touren kombinierte und sich nun zu uns gesellte, hatte bereits auf uns gewartet. Kurz vor Sonnenuntergang wurde das Salz plötzlich weißer, und die Fünfecke fehlten auch. Unsere Schatten reichten auf der Salzkruste vermeintlich zurück bis Uyuni.


Die Nacht verbrachten wir in einem einsamen, eiskalten Salzhotel am Rande der Salzwüste, außer uns war niemand dort. Auch vom Betreiber fehlte jede Spur. Das Hotel war, im Großen und Ganzen, aus Salz. Die Mauern, der Boden, die Betten. Der Schlafsack und die dicken Decken machten das Salz zu einer erstaunlich kuscheligen Angelegenheit.


Beim Abendessen unterhielten wir uns über Herkunft, Tätigkeiten und unsere bisherigen Reisen. Die Israelin arbeitete fürs israelische Militär und hatte sich dort auf Panzer-Reparaturen spezialisiert.


Als ich erwähnte, dass ich im Jahr zuvor im Iran gewesen war, horchten die Israelis auf und erkundigten sich nach den Einzelheiten. Ich erzählte also von den Erfahrungen, die wir im Iran gemacht hatten, von den herzlichen, gebildeten, zuvorkommenden Menschen und von der großen Gastfreundschaft. Als ich fertig war, stellte ich fest, dass die Panzer-Repariererin tief in Gedanken versunken war. Sie schaute irgendwie versonnen drein und hatte ein feines, ungläubiges Lächeln im Gesicht. Man sah, dass sie nachdachte. Ich störte sie nicht dabei.


Am nächsten Tag querten wir die Weiten Südwestboliviens und den Avaroa-Nationalpark. Die Gegend war karg und weitgehend ohne Vegetation, aber immer wieder erstaunlich bunt: Dunkelgraues Gestein, rotes Gestein, orange, vom Wind erodierte Felsstrukturen. Auf den höchsten Gipfeln lag Schnee. Was diese Gegend eigentlich so großartig macht, sind die Seen: Blasstürkis, tiefblau, weiß und – rot! Die Laguna Colorada hat ihre rote Farbe von einer bestimmten Algenart. In dieser surrealen, lebensfeindlichen, wunderschönen Gegend trifft man erstaunlich viele Tiere. Wir sahen Vicuñas, Chinchillas und – jede Menge Flamingos. Die lebensfeindlichen Bedingungen sind den drei hier lebenden Flamingo-Arten egal.


Als wir am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang aus den Betten krochen, war es klirrend kalt. Es erwies sich als taktisch sinnvoll, dass wir so früh aufgebrochen waren, denn es dauerte keine halbe Stunde, bis der Motor des Jeeps abstarb. Bereits die ersten zwei Tage der Tour war José Luis hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, die Motorhaube auf- und zuzumachen, aber als der Motor diesmal zu zischen und zu qualmen begann, war er ziemlich ratlos. Glücklicherweise kam wenig später ein anderer Jeep vorbei, und gemeinsam schafften es die beiden Fahrer, unser Gefährt wieder fahrtauglich zu machen.


Wir hielten inmitten von Dampfsäulen in einem der höchstgelegenen geothermisch aktiven Gebiete der Erde, Sol de Mañana, und badeten in einer heißen Quelle. Das höchste und eines der heißesten Bäder meines Lebens! Als wir uns an die Temperatur gewöhnt hatten, hätten wir am liebsten den ganzen Tag in dem Felsenbecken verbracht, aber es war Zeit für das letzte Stück unserer Reise auf bolivianischem Boden. 4.480 m über dem Meeresspiegel befindet sich in einer farbenfrohen Steinwüste der Paso Portezuelo del Cajón, der Grenzübergang nach Chile.

 

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