Welcome, brother!

Eigentlich wollte ich mit dem nächsten Eintrag warten, bis es ein paar gute Familienfotos gibt, aber dazu ist’s noch nicht gekommen, und was solls... Samstag, 6. Oktober, bin ich nach einem Rennen in Lawrence, bei dem unser Team den „Old Tin Bucket“ (einen mit Süßigkeiten gefüllten Kübel) abgeräumt hat und bei dem mich Mrs. Stiefel & Kinder angefeuert haben, umgezogen.


Der Empfang im Haus der Dannen Family war recht überwältigend, lachende Gesichter und Willkommensschilder an der Tür. Noch am selben Tag sind wir gemeinsam mit John aus Peer Mentoring zum Lake Haus ausgerückt. Die Familie besitzt 45 Autominuten südlich von hier an einem kleinen See ein zweites Haus. Bei der Cider Mill in Louisburg haben wir die Fahrt unterbrochen, Apple Cider getrunken, das Donut-Fließband bestaunt und frische Zimt-Donuts gefuttert. Am Lake sind wir ein bisschen in Kajaks herumgepaddelt und sind dann zu einem Platz, an dem sich Anwohner treffen. Nachdem mir meine Marshmallows vom Spieß geschmolzen waren, hab ich, bevor es Zeit zur Rückfahrt war, noch meinen ersten „Hayride“ gehabt (Das ist recht populär hier, man setzt sich spätabends in einem Anhänger auf ein Heubündel und lässt sich von einem Traktor durch die Gegend ziehen).


Tags darauf ist Mr. Joel Dannen, kurz Dad, von einer kurzen Geschäftsreise zurückgekommen, und damit war die neue Familie komplett. Kirsten ist die immer lachende Mom, sie arbeitet für den Schulbezirk. Dad, ruhig und auch immer gut drauf, arbeitet für Auto Glass. Über Rachel (demnächst 18) muss wohl nicht mehr so viel gesagt werden, außer, dass sie sich in den witzlosesten (just kidding) Vereinen wie zB Soccer, Youth Congress (einem Verein, in dem’s darum geht, gute Ideen in die Tat umzusetzen) und Youth Court (einem Verein, in dem’s darum geht, andere Jugendliche abzuurteilen) engagiert. Julie (14), ist Freshman in der California Trail Junior High. Sie zuckt deutlich weniger schnell aus als ihre Schwester und ist, genau wie Rachel, u.a. in Fußball, Youth Congress und Youth Court involviert. Und sie mag ungesundes Essen.


Was das Essen betrifft, bin ich zur Freude von Mr. Mays und Jared übrigens schon ziemlich amerikanisiert; ich mag Bagels (Kein Vergleich zur österreichischen Semmel, aber sowas kriegt man hier nicht), Donuts („Woah, double chocolate! Very good choice, Anton!“) und vor allem granola bars (Müsliriegel) und die amerikanischen Cookies.


Der Cross-Country-Wahnsinn war mit dem 15. Oktober für mich vorbei. Nachdem ich Freitagabend mein letztes Spaghetti-Dinner gehabt hatte und mit einem handgeschnitzten Holzschild „OEXC“ und einem Wimpel verabschiedet worden war, saßen wir Samstagfrüh vier Stunden lang im Bus. Wir stiegen um 6:30 Uhr morgens hinter der Olathe East ein (Die allereifrigsten Cross-Country-Eltern dekorierten in aller Eile noch die Busse), und um 10:30 Uhr wieder aus, auch hinter der Olathe East. Wegen eines Thunderstorms wurde das Rennen nach einstündigem Warten am Parkplatz der Rim Rock Farm hinter Lawrence auf Montag verschoben. Montag, 15., starteten wir zum zweiten Versuch und brachten die Sache dann auch glücklich hinter uns. Der Kurs war in landschaftlich sehr schöner Gegend... Ich hab bei diesem letzten Rennen nicht mehr hart genug gekämpft. Wie schon Coach Bozarth sagte: „The only enemy is inside yourself.” Es war kein einfacher Kurs, zwei fürchterliche Hügel, aber 19:57 hätten jedenfalls nicht sein müssen. Nichtsdestotrotz hab ich anschließend mit David und Sam das Ende der Saison gefeiert, mit einem Barbecue bei Oklahoma Joe’s. Ich kann mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen habe. ;)


Ich werde sie vermissen, die großartigen Coaches mit ihren feurigen Ansprachen, die auf jedem Kurs jeden Meter kennen und für jede noch so kleine Kurve und jeden noch so kleinen Hügel exakte Anweisungen haben. Und einige der anderen... Nicht alle, denn die Winterläufe, kurze Läufe mit dem einfachen Ziel, in Form zu bleiben, starten nach dem Cross-Country-Bankett am 6. November.


Samstag, 20. Oktober, waren wir auf der Plaza in Kansas City. Umgeben von undefinierbarer, aber sehr interessanter Architektur (Türme, die wohl irgendwie orientalisch sein sollen, ein Wolkenkratzer, der an einen Termitenbau erinnert, und – ungewöhnlich in Amerika – ein Straßencafé), war für mich vor allem ein Bettler interessant. Sein Spruch war: “I’m saving for a down payment on a cheeseburger!”


Dienstag, 23. Oktober, war General Assembly des Youth Congress. Beim Youth Congress lernt man nette Leute kennen, dadurch macht’s Spaß. Was mir auf die Nerven geht, ist, dass das alles so umständlich sein muss. Ziel der General Assembly war es, zu bestimmen, an welchem Projekt das nächste Jahr über gearbeitet werden soll. Dafür sind von sämtlichen Schulen im Schulbezirk rund 400 Schüler zusammengetrommelt worden. Mein Vorschlag vom Talente-System wurde wohlwollend aufgenommen, aber dadurch, dass ich der Gruppe „Environment“ zugeordnet war, konnte ich mich dafür nicht weiter stark machen. Gewonnen hat letztendlich die Idee „Dollars for Darfur“, ein Fundraiser für die Krisenregion im Sudan. Eine schöne Entscheidung, aber meiner Meinung nach braucht’s dafür keine 400 Leute in Anzug und Krawatte, die wochenlang vorbereiten, genauso wenig wie herzerweichende Ansprachen und 84 Tischdecken in den Amerika-Farben blau, weiß und rot. Die Tischdecken sind genauso wie ungezählte Alu-Dosen übrigens alle im Müll gelandet. Meine nächste Idee für das Departement Environment wäre, im nächsten Jahr keine Tischdecken zu verwenden... Es gibt Dinge, für die schon eine engagierte Person genügen würde, die – schlicht und einfach – handelt. Wir werden bestimmt eine schöne Summe Amigeld für Darfur zusammenbringen, aber, ganz kurz gesagt: Mir ist der Youth Congress einfach viel zu kompliziert!


Seit knapp einer Woche ist Grandma Tasler aus Iowa zu Besuch. Ihr Mann ist gemeinsam mit einem sehr redseligen Freund kurz hereingeschneit, hat sich unsere report cards (Zeugnisse fürs erste Vierteljahr) vorlegen lassen und ist dann weiter zum Lake House, um zu fischen. Ein netter alter Mann... Die Großeltern von Rachel und Julie sind alle vier recht nett.


Ich hab mit fünf A’s, einem B in Acting, einem B+ in Sociology und einer netten Anmerkung in Geography eine „Honor Roll“, was wohl einem guten oder ausgezeichneten Erfolg gleichkommt. Ich hab wenig Hausaufgaben und muss noch weniger lernen, und das ist gut so (Sag ma halt amal). Was mir fehlt, sind die Fremdsprachen, ich hab den Eindruck, die Idee, mich voll auf Englisch zu konzentrieren, war keine von den wirklich guten...


Donnerstag kann ich ausschlafen, für Seniors besteht bis neun Uhr keine Anwesenheitspflicht. Donnerstag, 25. Oktober, ist noch weiter entschärft worden; in Acting haben wir einen Polsterstapel vorgefunden und von Mrs. Hitchler die Erlaubnis erhalten, eine Doppelstunde lang zu schlafen. Danach haben wir im großen Auditorium eine erste Szene des Fall Play’s angesehen und dann war für mich und die Peer-Mentoring-Klasse Lunch. Das ist deshalb erwähnenswert, weil Tyler, das abscheuliche Kind, das ekelhafteste Mittagessen zu sich genommen hat, das ich ihn bisher essen sehen habe: Ketchup und Schokomilch.


Donnerstagnachmittag war ich das erste Mal bei Youth Court. Jugendliche, die sich was Geringfügiges zuschulden kommen lassen, werden hier vor ein Gericht, das zur Gänze aus Jugendlichen besteht, geladen. Die Jugendlichen, deren Fälle an den Youth Court weitergegeben werden, profitieren davon: Sie bekommen keinen Eintrag ins Strafregister. Rachel ist einer der Richter. Ich war, genau wie Ameen, den ich vor knapp drei Wochen im Youth Congress kennen gelernt habe, einer von rund 120 Juroren. In meinem Fall hatte eine 14-Jährige eine Geldbörse und Parfum gestohlen. Wir haben uns also (von der Verteidigung) angehört, dass sie einen Monat Hausarrest und Entzug aller Privilegien (Fernsehen, Handy...) hinter sich hat, sie hat erklärt, dass es ihr recht peinlich ist, da zu sitzen, und irgendwie hat sich ihre Aussage, dass sie nicht vorhabe, das noch einmal zu tun, recht überzeugend angehört. Ich war jedenfalls für die geringstmögliche Strafe und die ist’s dann auch geworden; wir haben sie zu 20 service hours und einer „Able-Class“, in der sie mit anderen Leuten über Dinge wie Diebstahl usw. diskutieren muss, verdonnert. Das kleine Gfrast. War jedenfalls ein sehr interessanter Abend. Interessant auch, für was man alles vor den Youth Court kommen kann... Ein anderer Juror hat mir erzählt, dass er zu 15 service hours verurteilt worden ist, weil er eine Münze auf die Schienen gelegt hat; ich hab das in meinem Leben bisher zweimal getan.


Freitagabend haben wir „Rebel without a cause“, das Olathe East Fall Play, gesehen. War sehr gut, meiner Meinung nach.


Samstag, 27. Oktober, war mein erstes planmäßiges Zusammentreffen mit anderen YFU-Austauschschülern. Wir haben uns bei der Gastfamilie von Jamie, einer Chinesin, in Blue Springs getroffen. Blue Springs, Missouri, ist genau wie Overland Park und Olathe eine Vorstadt von Kansas City. Mr. Stiefel war kurz nach elf an der Haustür, ebenso Peter, Austauschschüler und Freund in Olathe East aus Budapest. Yui und eine chinesische Austauschschülerin waren schon im Auto. In Blue Springs angekommen haben wir erst einmal gefuttert (Pizza, was sonst, und Cookies... Ich liebe amerikanische Kekse), dann haben wir’s uns im basement gemütlich gemacht und Mr. Stiefel hat über Austausch gesprochen. Inzwischen weiß ich ja schon Einiges darüber. :D


Was ich mir mitgenommen habe, ist eine Erneuerung des Vorsatzes, alles Mögliche und Unmögliche auszuprobieren. Im Grunde tu ich genau das (Ich komme meinem Ziel, jeden einzelnen amerikanischen Schokoriegel einmal ausprobiert zu haben, allmählich näher), aber es gibt genug Dinge, die ich noch nicht gemacht habe. Danach hat Mr. Stiefel die anwesenden Gasteltern belehrt (Die Dannens haben’s schriftlich bekommen, Mom und Dad sind übers Wochenende nach San Diego geflogen). Wir zehn haben’s uns gemütlich gemacht und Candy gefressen. Am besten unterhalten hab ich mich mit Steffi aus München (Sie ist in Olathe South und daher ganz klar auf der Verliererseite), Jamie und Peter.


Irgendwann kam das Gespräch auf das, was wir hierzulande vermissen. Wir haben uns über Kaiserschmarren, ungarische, deutsche und österreichische Mehlspeisen bis zum Wiener Schnitzel gesteigert, und als wir alle so richtig schön melancholisch waren, haben ein paar Mädels angefangen, ihre Boyfriends zu vermissen. Da ich keinen Boyfriend habe, hab ich das Gespräch an dieser Stelle aufgegeben.


Zuckerkrank und mit einem halben Pfund Candy in der Hand bin ich gemeinsam mit Peter von den Zimmermans, Peters Gasteltern, zurück nach Overland Park gekarrt worden. Dort haben Grandma Tasler und Rachel mit einem schnellen Abendessen und einem Kostüm für Stevens Halloween-Party auf mich gewartet. Ich bin als Dice (Würfel) gegangen, ausgesehen hab ich letztendlich wie eine Kuh. Die Party war lustig, ich hätt Andy (aus unserer Peer-Mentoring-Klasse) diese Air-Hockey-Fähigkeiten nicht zugetraut, und die Dekoration war enorm. Eine Torte imitierte perfekt authentisch ein Gehirn, als Snacks gab es u.a. Finger (Wurstzipfel, umwickelt mit einem Teigstreifen und einem Fleck Ketchup als Fingernagel), und Haus und Garten waren ein einziges Spukschloss. Im Vorraum stand eine Guillotine.

 

Heute waren wir, weil Rachel demnächst Geburtstag hat, mit Grandma Tasler essen. Wir waren in einem italienischen Restaurant und es war das bisher beste Lokal, in dem ich in Amerika gegessen habe.


Künftig werd ich meine Blog-Einträge unter Umständen teils in Englisch verfassen. Wer spricht schließlich schon Deutsch in dieser Welt... ;) Liebe Grüße aus Overland Park.