Tod den Hipstern

Ich lebe mittlerweile seit ziemlich genau einem Jahr in Wien und ich lebe tatsächlich immer noch. Die ersten Monate habe ich die Luft angehalten, dann habe ich Flaschensauerstoff verwendet, aber letztendlich habe ich die künstliche Sauerstoffversorgung schrittweise heruntergefahren und dann abgestellt. Inzwischen inhaliere ich die Stadt in tiefen Lungenzügen, und bevor mich meine Stickoxid-Abhängigkeit jeglichen Urteilsvermögens beraubt, möchte ich an dieser Stelle noch schnell ein objektives Zwischenfazit ziehen. Nicht zum Umweltaspekt, sondern zu den Anwohnern in meinem Grätzel.


Der 6. Bezirk ist es also geworden, eine Hochburg aufgrund der städtebaulichen Gegebenheiten und eine Hochburg der verdammten Hipster! Wenn ich das Sauerstoffaggregat schon in der Frühphase einmal abgenommen hätte, hätte ich den Braten und vielleicht auch die Fischsauce, die jedesmal in Ohnmacht-induzierenden Wolken über die Straße wabert, wenn ein Hipster die Tür von dem Szene-Thailänder neben uns aufmacht, vielleicht schon früher gerochen.


Die Hipster-Dichte in Mariahilf liegt bei ungefähr einem Holzfällerhemd pro Quadratmeter. Die Vollbartdichte in der Cocktailbar einmal ums Eck liegt bei 36 Harry-Potter-Brillen für jedes Dutzend Strickhauben. Und dazwischen stehen Hipster mit flachen bunten Stoffschuhen und Hosenträgern, futtern Cupcakes und beträufeln die flaumigen Oberlippenbärte mit Mate oder mit Erdbeer-Craft-Beer. Gibt es objektiv irgendetwas auszusetzen an einer deutlich überhöhten Population von chiasamenkonsumierenden Macbook-Besitzern? Nein, natürlich nicht. Aber sollte man diese Kaffeemühlenverwender trotzdem in einer Kaffeesuddeponie endlagern? Ja, das sollte man unter allen Umständen.


Im Nachbarhaus gibt’s ein Hipster-Büro, wo jeder Hipster, der dort arbeitet, mit einem Retro-Rennrad anreisen muss, das er dann an seinen Schreibtisch anlehnt. Der Hipster-Coworking-Space hat zur Straße hin eine große Scheibe, damit man zuschauen kann, wenn die Hipster drinnen die Füße auf den Schreibtisch legen und lustvoll einen Espresso nach dem anderen schlürfen. Die Kaffeemaschine und die täglichen Gespräche über das angesagteste Hipster-Lokal in der Straße sind der einzige Grund, die Büromiete zu bezahlen, denn ein Computer hat auch auf einem privaten Hipster-Schreibtisch Platz, dafür braucht es keinen Coworking-Space. Spricht irgendwas gegen Hipster, die Schaufenster dazu benützen um sich selbst und ihre Retro-Rennräder in den Mittelpunkt zu stellen? Nein, da fällt mir eigentlich nichts ein. Sollte man alle Insassen dieses Hipster-Sammelbeckens aus ihrem Aquarium fischen und vom Coworking-Space direkt in den echten Space (mindestens in die Stratosphäre) schießen? Ja, das halte ich für eine moralische Verpflichtung.


Es kann keinesfalls geurteilt werden, dass Hipster irgendwie unnett oder unfreundlich sind, wenn sie mit ihren Kaffeebohnen aus dem sauteuren Unverpackt-Laden rauskommen. Die sind eigentlich ganz lieb, alle. Gibt es da vielleicht ab und zu sogar ein Exemplar, das sich bei näherem Hinschauen als wirklich sympathisch entpuppt? Ja, natürlich gibt es das. Würde ich mich trotzdem freuen, wenn ein wirklich sympathisches Hipster-Exemplar von einem Blitz getroffen wird oder von einer Riesenpackung Tofu, die aus dem Fenster der Hipster-Dachgeschoß-WG hinausgefallen ist? Selbstverständlich würde ich das.


Wenn ich es mir recht überlege, richten Menschen mit engen Hosen und satteltaschenartigen Schnallen-Rucksäcken im Grunde nicht einmal schwerwiegende Schäden an, wenn man nicht gerade von einem unter Matcha-Einfluss stehenden Individuum auf die neuesten Superfood-Trends angesprochen wird. Gibt es Hipster, deren ökologischer Fußabdruck geringer ist als meiner? Ziemlich sicher gibt es die. Gibt es welche, die mehr im Einklang mit der Natur (die es zwar in ihrem Revier nicht gibt) leben als ich? Davon ist auszugehen. Gibt es deshalb einen Grund, warum man einen Hipster nicht in ein asiatische Nudeln auslieferndes sklavenbetriebenes Kistenrad einsperren und an der tiefsten Stelle des Donaukanals versenken sollte? Nein, ich glaube, da gibt es keinen einzigen.
 

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(pixabay.com)
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