Tragischer Unfall am Eingang zur Hauptuni

Montagmorgen, Vorlesung an der Germanistik, ich trotzdem hin, weil die Mädels dort so fesch sind (Der einzige Grund, warum man überhaupt Germanistik studiert). Fahrrad abgestellt, kurzer Fußmarsch Richtung Haupteingang, fein, die kleine Seitentür ist geöffnet. Ich hin und … doing. Aus dem dunklen Inneren der Hauptuni ist ein Mensch gekommen, und dann sind wir zusammengekracht.


Ich halte mir die Birne, mustere das Verkehrshindernis, eine kleine Studentin mit langen, dunklen Haaren. Sie hält sich auch die Birne. Wir lächeln zerknirscht, ich weiche einen Schritt zurück und deute ihr mit der Hand, sie hat den Vortritt. Wie schon 100.000 grantige Wiener sagten: Zuerst aussteigen lassen.


Sie deutet ebenfalls mit der Hand, sie lässt mir den Vortritt. Na gut, denke ich mir, ich hab’s eiliger als sie, meine Vorlesung beginnt in einer Minute. Na gut, denkt sie im selben Augenblick, ein Gentleman, wie rückständig, von mir aus. Ein Schritt von ihr, ein Schritt von mir, rasches Abbremsen. Beinahe wären wir noch einmal zusammengeprallt.


Einen Augenblick schauen wir uns hilflos an, dann drehe ich mich außerhalb der Türöffnung um 90° nach links und gebe ihr den Weg frei. Sie dreht sich innerhalb der Türöffnung um 90° nach rechts und gibt mir den Weg frei. Dieses Gfrastsackl kann mich am… Aber iiiiich habe Zeit. Die Vorlesung interessiert mich im Prinzip eh nicht.


Sie hat auch Zeit. Wartet im Dunkeln, hinter der Wand, ich kann sie nicht mehr sehen. Fünf Minuten später beschließe ich, dass sie sich aus dem Staub gemacht hat, vermutlich war sie schlau genug, den Haupteingang zu benützen, wahrscheinlich ist sie längst in der Straßenbahn. Aber jetzt riskiere ich garantiert nix mehr.


Mit einem riesigen, blitzschnellen Satz springe ich durch die Tür und – doing!!! Ich liege am Rücken und habe wahnsinnige Schmerzen, meine Nase scheint gebrochen zu sein. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie auf der anderen Seite der Tür ebenfalls am Rücken liegt, regungslos, wimmernd.


Mühsam richte ich mich auf, will ihr zur Hilfe eilen. Ihre soziale Ader ist genauso ausgeprägt. Ganz knapp verhindern wir den nächsten Zusammenstoß. Aus verzerrten Gesichtern starren wir uns an, Mordlust in den Augen. Ihre Nase ist ein wenig blutig, aus meiner tropft es auf den Boden. Langsam greife ich in meine Tasche, hole ein Taschentuch heraus, biete es ihr an. Sie bietet mir im selben Augenblick ebenfalls ein Taschentuch an. Die Taschentücher wechseln den Besitzer, verbittertes Schweigen, während wir uns die Nasen abtupfen.


Was sie wohl studiert? An der Hauptuni studiert man Germanistik, Geschichte und Theologie. Eine Germanistikstudentin ist sie nicht, die kann bestimmt nicht einmal lesen… Geschichte? Möglich, sie gehört ja selbst nicht in diese Zeit, hätte zwei Minuten früher durch die Tür gehen können oder zwei Minuten später. Sie ist ein Mensch, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Sie ist ein Anachronismus. Oder eine Theologiestudentin? Vielleicht selbst eine Gottgesandte? Nein, entscheide ich. Dieses Miststück kommt direkt aus der Hölle.


Ich mustere meine Feindin genauer und stelle fest, dass sie Grübchen hat. Niedliche Grübchen und schöne dunkle Augen. Sie fixiert meinen Blick. Gefalle ich ihr etwa auch? Sollte das der Beginn von etwas ganz Großem sein? Interessanter als ein Tinder-Date wäre unser erstes Zusammentreffen auf jeden Fall. Sie sieht mich aus großen Augen an, und da ist es beschlossene Sache: Wenn das hier vorbei ist, werde ich sie auf einen Kaffee einladen.


Aber zuerst muss ich in meine Vorlesung. Ich fasse sie scharf ins Auge, versuche, anhand ihrer Augenbewegungen zu erraten, wann sie den nächsten Ausbruchsversuch starten wird. Aber sie steht da wie angewachsen. Diese Unbeweglichkeit nütze ich aus und renne urplötzlich los, so schnell ich kann. Sie tut exakt dasselbe, die Blicke, die sie mir zugeworfen hatte, waren Täuschungsmanöver gewesen. Die Tür liegt auf halbem Weg zwischen uns beiden, unser Abstand zu ihr verringert sich um fünf Meter pro Sekunde. Davor war sie einen halben Meter entfernt von uns gewesen. Jetzt gibt es nur noch einen Ausweg: Ich muss schneller laufen als sie, oder sie schneller als ich, die Alternative lautet Krieg. Nur durch Geschwindigkeit lässt sich die Katastrophe jetzt noch verhindern. Wir laufen gleich schnell, die Anachronistik-Studentin und ich. Im Türrahmen knallen wir zusammen.


Sie war sofort tot.

 

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(pixabay.com)
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