Bei alten Freunden

Von Panama und – vor allem – Costa Rica erzähle ich in meinem 2009/2010 verfassten Reisebericht sehr ausführlich. Die im Jänner 2016 besuchten Orte waren teilweise dieselben, und über die wunderbaren Begegnungen mit meinen alten Freunden möchte ich den Mantel des Schweigens breiten.


Außerdem schreiben wir inzwischen den 22. Dezember 2017, und es wird Zeit, dass dieser Bericht, den ich erst rund zehn Monate nach unserer Reise zu schreiben begonnen habe und für den ich, weil ich mir so selten Zeit dafür genommen habe, mehr als ein Jahr lang gebraucht habe, ein Ende findet. Entschuldigt daher die Kürze.


Panama-Stadt hatte sich seit meinem letzten Aufenthalt im Jahr 2010 unwesentlich verändert. In der Zwischenzeit hatte man eine U-Bahn eröffnet, die Erweiterung des Panama-Kanals für Schiffe mit dem dreifachen Fassungsvermögen war noch nicht abgeschlossen.


Mit der „transkontinentalen“ Eisenbahn fuhren wir in rund einer Stunde auf die andere Seite des Isthmus, nach Colón, und von dort in eine kleine Hafenstadt mit einem alten Fort, nach Portobelo. Die Musik in dem alten amerikanischen Schulbus, der uns nach Portobelo brachte, wurde in einer Lautstärke abgespielt, die derart weit über meiner Schmerzgrenze lag, dass ich Ohrenstöpsel suchen musste. Der Fahrer, der meine Lautstärke-runter-drehen-Gesten ignorierte, muss neben einem Hörschaden auch einen größeren Dachschaden gehabt haben.


Zoryana wollte nach Bocas del Toro, ein Archipel in Westpanama, das ich bereits kannte. Die Direktbusse waren saisonbedingt ausverkauft, also fuhren wir über David. Entweder ist Panama kleiner geworden, oder die Busse schneller, jedenfalls waren wir schon vor vier Uhr früh in David. Kurze Zeit später ging es aber schon weiter in die westpanamaische Karibik.


Wir trafen über und unter Wasser alle möglichen tollen Tiere, knallbunte Fische, Faultiere, Seeigel… Am Seestern-Strand, der Anfang 2010 wildromantisch und einsam dagelegen war, tummelte sich neben wenigen verbliebenen Seesternen allerdings eine laute Touristenmeute.


Im costaricanischen Puerto Viejo stießen wir auf eine nette Strandgesellschaft, mit der wir einen entspannten Silvesterabend verbrachten. Mit dem Fahrrad erkundeten wir auch die Badeorte Cahuita und Manzanillo. Costa Rica ist viel teurer geworden, der Massentourismus zieht dort, wo es ihn gibt, astronomische Preise nach sich, europäische Preise! Als ich genug hatte vom Reis und den Bohnen, bestellte ich ein Nudelgericht mit Schwammerln und bezahlte dafür 20 Euro.


Im vollen Bus nach Limón stellte ich mich mit meinem Rucksack in den hinteren Gangbereich, weil ich mir da die besten Chancen ausrechnete, dass niemand an mir vorbeiwollte. Unbegreiflicherweise wollten die Leute, die hinten im Bus saßen, aber vorne aussteigen, und die Leute, die vorne im Bus saßen, hinten, also musste ich den Rucksack permanent hochheben. Dann klopfte es plötzlich an mein Bein und vom Fußboden schauten mich zwei Augen an. Ein Typ, der nicht gehen, sondern nur kriechen konnte, kroch am Boden entlang und sammelte Geld für einen neuen Rollstuhl. Ich war mir der Tragik der Situation durchaus bewusst, hatte allerdings ziemliche Mühe, den schweren Rucksack so lange in der Luft zu halten, bis der Spendensammler zu allen Umsitzenden Kontakt aufgenommen hatte. Wenn ihm der Rucksack auf den Kopf gefallen wäre, wärs mit einem neuen Rollstuhl eventuell nicht mehr getan gewesen.


In Tortuguero (nordostcostaricanische Karibik) war gerade keine Schildkrötenzeit, also war der Ort weitgehend entvölkert. Wir trafen trotzdem allerhand interessante Tiere in freier Wildbahn, darunter einen Rotaugenfrosch, eine Kannibalen-Kröte und eine Boa constrictor. Leider hat sie den lästigen japanischen Touristen nicht aufgefressen.


Wir mieteten uns ein kleines Boot aus Holz und ruderten fröhlich Richtung Dschungel. Als wir uns in der Mitte einer großen, offenen Wasserfläche befanden, begann es von einer Sekunde auf die andere wie aus Kübeln zu schütten. Es war ein Wolkenbruch der Tropenklasse, wenn du dich bei so einem Unwetter in einer Wellblechhütte befindest, kannst du dich nicht einmal mehr schreiend verständigen.


Verständigen konnten wir uns noch, sehen konnten wir außer unserem Boot und dem Wasser nicht mehr viel, und wenn sich im Boot nicht ein kleiner, aufgeschnittener Kanister befunden hätte, wären wir abgesoffen. Ich schöpfte wie ein Verrückter Wasser, zwischendurch blieb ein wenig Zeit zum Rudern. Schließlich schafften wir es an den Rand dieses Gewässers und versteckten uns unter einem Blätterdach, was feuchtigkeitstechnisch keinerlei Vorteile mit sich brachte, aber sehr lustig war.


In San José ließ ich mich von meiner Gesichtswolle befreien, um meine alten Freunde in Longo Mai nicht zu erschrecken.


Schön wars, wieder in Longo Mai zu sein! Wer das Wasser von Longo Mai getrunken hat, der kehrt zurück, sagt man im Dorf, und so ist es auch… 2009/2010 hatte ich hier ein ganzes Jahr verbracht, diesmal beschränkten wir uns auf eine gute Woche, wobei wir zwischendurch einige kleinere Ausflüge unternahmen.


Mit Gilberth besuchten wir die Nebelwälder am Chirripó, außerdem bestiegen wir den selten bestiegenen Cerro Cabécar. Der einheimische Bergführer hatte ein besonderes Schmankerl für uns, einen abgelegenen, doppelten Wasserfall, den, wie es scheint, erst wenige Menschen gesehen haben. Dorthin gibt es keinen Weg, also bahnten wir uns einen, durch das Flussbett. Eine besonders arge Stufe bewältigte Gilberth, indem er ein wenige Zentimeter breites Felsband entlangrutschte. Ich stemmte meinen Rücken gegen eine Felswand und spazierte die gegenüberliegende Felswand hinunter. Bei Zoryana funktionierte es mit einer Kombination aus Ziehen, Heben und Schieben. Der – äußerst preiswerte – zweitägige Ausflug endete am reichlich gedeckten Tisch einer kleinen Familie, die uns strahlend von ihren Plänen erzählte, die Gegend touristisch zu erschließen.


Zurück in Longo Mai zeigte uns Mari einige alte, mit Petroglyphen verzierte Opfersteine. Wir entschieden uns dafür, Valentin dem Sonnengott zu opfern, er hatte aber keine Lust, weshalb wir unverrichteter Dinge wieder abzogen. Die folgenden Tage vergingen mit Tanzstunden bei Jenni, Handarbeitsstunden bei Maritza, gemütlichem Zusammensitzen bei Cristóbal, und und und. Gilberth, der inzwischen sein eigenes Haus besitzt, lud uns zu einem Filmabend ein, wobei er vorschlug, den Protagonisten des Films, einen frühreifen 16-Jährigen, zu kastrieren. Wir schauten am Strand in Manuel Antonio vorbei, wo fette amerikanische Touristen allen Verboten zum Trotz die Affen fütterten (Und die Waschbären – nur ein knallroter Krebs, der träge im Unterholz hockte, schien noch nicht begriffen zu haben, dass das Leben am einfachsten ist, wenn man sich von Touristen füttern lässt), auf der feria (Markt) in San Isidro und bei Wade und Yamileth auf der Finca Pasiflora. Die beiden betätigten sich unter anderem als Zieheltern eines ausgesprochen bissigen Nasenbären („Der will nur spielen“). Wir lernten die aktuellen Volontäre und den aktuellen Zivildiener kennen und ich nahm an einem mangelhaft organisierten Geländelauf teil: Jeder rannte einen anderen Weg, ich rannte gegen einen Felsen und musste blutüberströmt ins Ziel einlaufen.


Am pazifischen Playa Uvita, dem schönsten Strand, den ich kenne, erfanden wir eine neue Sportart, das Luftmatratzen-Surfen: Du springst im richtigen Moment auf deine Luftmatratze und lässt dich von den großen, schnellen Wellen 100 Meter und mehr landeinwärts tragen. Der Strand in Uvita ist wunderschön, weitläufig, größtenteils menschenleer, palmenbestanden, mit einem Wort: Traumhaft.


Wir wollten am Strand schlafen, hatten daher unsere Rucksäcke dabei und passten wie die Schießhunde auf unsere Wertsachen auf. Dann war durch einen dummen Zufall 30 Sekunden lang keiner von uns beiden in der Nähe der Rucksäcke, und in dieser Zeit schaffte es ein Jugendlicher, der uns, wie mir schlagartig klar wurde, die ganze Zeit beobachtet hatte, meine Kamera samt Reisepässen (Die waren in der Kameratasche) zu stehlen. Als ich den Diebstahl bemerkte, war selbiger noch keine halbe Minute her, also sprintete ich am Uferweg nach rechts – es gab nur zwei Richtungen, die, die nicht zum regulären Ausgang führte, kam mir wahrscheinlicher vor. Wenn er seitlich in den losen Uferwald gelaufen wäre, hätte ich ihn gesehen. Ich rannte wie ein Wahnsinniger, und wenn der Jugendliche, dem ich aufs Herzlichste Hals- und Bein- und Schädeldeckenbruch wünsche, ebenfalls in meine Richtung gerannt wäre, dann hätte ich ihn ziemlich sicher erwischt. Aber er hat den Strand wohl über den Haupteingang verlassen. Ein Glück, dass ich wenige Tage vor dem Diebstahl alle Fotos gesichert hatte… Mit sowas muss man bei Schurkenstaatbereisungen immer rechnen.


Nach den üblichen Formalitäten (Polizei, herumfragen, ob wer einen etwa 16-jährigen Drecksack mit einem blöden Gesicht kennt, Müllkübel nach Pässen absuchen, eine von Zoryana spontan durchgeführte Hausdurchsuchung) machten wir uns auf den Weg nach San José, weil wir nur mehr wenige Tage bis zu unseren Flügen hatten. An der Bushaltestelle von Uvita hing tatsächlich ein Fahrplan, der erste, den ich in Costa Rica gesehen habe. Der Ticketverkäufer erklärte mir allerdings, dass der Fahrplan Schwachsinn sei.


Was meine eigene Ausreise betraf, ging ich entspannt an die Sache heran, denn ich wusste: Die Österreicher zocken dich zwar ab (Ein cremefarbiger Notpass kostet 76 Euro), aber sie helfen dir. In der Tat dauerten die Formalitäten, obwohl ich weder eine Passkopie noch einen anderen Ausweis vorzeigen konnte, keine zehn Minuten, zwei Tage später war das Dokument, das per Eilpost aus Mexiko eintraf, abholbereit.


Schwieriger war die Sache für Zoryana: Die Russen unterzogen sie einem Kreuzverhör und verlangten anschließend von ihr, zwei Personen mit russischer Staatsbürgerschaft aufzutreiben, die bereit wären, für sie zu bürgen. Wir fragten in diversen Hotels nach Russen, und weil es keine gab, spazierten wir laut russisch fluchend durch die Innenstadt von San José, in der Hoffnung, dass irgendwelche Russen auf uns aufmerksam würden. Es gab aber keine Russen in San José. Schließlich erklärte sich der russische Botschafter bereit, persönlich für Zoryanas Echtheit zu bürgen, verband das allerdings mit allerhand Drohungen. Es ist durchaus verständlich, dass es ihm unangenehm war, seinen eigenen Kopf hinzuhalten.


Wir machten noch einen kleinen Abstecher nach Cartago, dann flog Zoryana nach Russland. Einen Tag später setzte ich mich mit zwei neuen Bekanntschaften aus dem Hostel (wo uns auch noch ein Packerl Tomatensauce gestohlen wurde) abermals in den Flughafenbus und erfreute mich an der costaricanischen Form des Infotainments, das in Form einer Laufschrift dargeboten wurde: „Bus fährt zum Flughafen via Paseo Colón. Das Leben ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Wunder Gottes. Bitte den Sitzplatz freigeben, wenn ihn jemand anderer dringender benötigt. 1000 Bäume, die wachsen, machen weniger Lärm als einer, der umfällt. Fahrpreis 540 Colones, bitte kontrollieren Sie Ihr Wechselgeld.“


Der Empfang in Frankfurt war unfreundlich, wie immer, dann stieg ich in den ICE und war wenig später zuhause in Österreich. Schön wars.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Niko (Donnerstag, 28 Dezember 2017 12:43)

    Herzlichen Dank für die fantasieanregenden, ungeschönt ehrlichen Reiseberichte! Verkürzt die Weihnachtszeit zwischen Verwandtenbesuche, Essensgelage und Unizeug ungemein angenehm. ;-)