Einmal Panama und zurück

Von Kolumbien nach Panama gibt es keine Straße, die Wanderung durch die Darién-Lücke ist mühsam und, der Guerilla sei Dank, gefährlich. Was bleibt, sind überteuerte Flüge oder eine Fahrt mit klapprigen Booten, die Küste entlang.


Wir entschieden uns für die Bootsfahrt und begaben uns in ein Küstenstädtchen namens Turbo, wo wir hoffen durften, ein Transportmittel für die Überquerung des Golfs von Urabá zu finden. Turbo, fanden wir heraus, ist eine Hölle auf Erden. Wir kauften eine Fahrkarte und verbrachten dann anderthalb Stunden in einem hysterischen Menschenknäuel, in dem alle durcheinanderschrien und gleichzeitig darauf warteten, dass eine dünne Frauenstimme ihren Namen rief und sie zum Einsteigen aufforderte. An der Anlegestelle herrschte ein unvorstellbares Chaos, und die sengende Hitze tat ein Übriges.


Als wir endlich in dem klapprigen Boot saßen, freuten wir uns, aber nur so lange, bis der Bootsführer etwas außerhalb des Hafens Vollgas gab. Denn dann rasten wir mit (Ich hab später nachgefragt) 100 km/h über die teils meterhohen Wellen, während wir auf unserer winzigen Holzbank saßen. Unser Klapperboot war ein wenig übermotorisiert, bei jeder Welle hob es uns aus dem Sitz, und bei jedem größeren Aufprall schrien die Leute. Nicht vor Vergnügen, sondern weil es weh tat. Der Kolumbianer, der neben mir saß, bekreuzigte sich die ganze Zeit.


Unser Bootsführer war ebenso irre wie genial, eigentlich hätte das Boot kentern müssen. Wenn der Wellenkamm zu hoch war, stellte er den Motor blitzschnell ab und verriss den Kahn gleichzeitig dergestalt, dass er nicht umkippen konnte. Nach einer Überfahrt, die sich am besten als „qualvoll“ beschreiben lässt, erreichten wir Capurganá, ein karibisches Dörfchen an der Grenze zu Panama. Tropen pur! Papageien, Palmen, eine wilde Brandung, feuchte, heiße Luft. Das Essen frisch aus dem Meer, das Quartier sehr bescheiden, die Ausreiseformalitäten: Umständlich.


Ein Schild vor der Wachstube informiert den Besucher, dass man vor der Ausreise zumindest einen Extratag einplanen sollte, da möglicherweise kein Strom zur Verfügung stehe. Ich erwischte einen Polizisten, der mir erklärte, dass er an einem Samstag um 13 Uhr nicht gewillt sei, Pässe abzustempeln. Seine Kollegen hätten ebenfalls keine Lust. Er vertröstete uns auf den nächsten Tag: Das Boot nach Panama würde um 8 Uhr ablegen, um 9 Uhr (!) könne er sich unsere Pässe anschauen.


Wir genossen einen ausgesprochen karibischen Abend: Meeresfrüchte, Fisch, frische Obstsäfte, Kokosnüsse, die dunkelhäutigen, lauten, unbekümmerten Menschen der Karibik, dazu die feuchte Hitze, die Abendstimmung am wilden karibischen Meer und das Wissen um die Abgeschiedenheit dieses Ortes: Hinter dem letzten Häuschen bildete der Dschungel eine feste Wand.


Am nächsten Tag in der Früh um 7:30 versuchten wir abermals unser Glück, der Polizist vertröstete uns auf 10. Einstweilen versuchte ich, ein Boot nach Panama zu finden – es gab aber keines. Um 10 Uhr erklärte uns der Polizist, dass sein Chef gerade nicht da sei, und ohne Chef kein Stempel. Wir rührten uns nicht mehr von der Stelle, und irgendwann war es tatsächlich so weit: Ein weiterer Polizist traf ein und stempelte unsere Pässe.


Zurück am Hafen erklärte mir eine Fahrkartenverkäuferin, dass zwei Passagiere nicht genug wären, wir müssten noch ein paar Stunden warten, vielleicht auch einen ganzen Tag. Ich fragte mich durch den gesamten Hafen, bis mir plötzlich ein Mann eröffnete, dass er nach Panama fuhr und maximal noch fünf Minuten warten könne.


Wenig später waren wir in Panama, genauer gesagt in Puerto Obaldía. Ein trostloses Pflaster, still und verlassen, trotz der 2.000 kubanischen Wirtschaftsflüchtlinge, die am Rande der Siedlung in Zelten neben der Flugzeuglandebahn hausten. Alle diese Kubaner, von denen wir nichts gewusst hatten, warteten auf eine Weiterreise per Boot oder Kleinflugzeug, denn eine Straße gab es auch in Puerto Obaldía nicht. Die Kubaner wollten in die USA. Key West in Florida ist zwar keine 150 Kilometer von der kubanischen Küste entfernt, eine Einreise war für die Kubaner im Dezember 2015 aber nur über Ecuador (!), und von dort auf dem Landweg möglich. Somit war klar, dass eine Weiterfahrt zu einem normalen Preis für uns nicht möglich war.


Seriöse oder gar offizielle Anbieter von Bootsfahrten gab es nicht, ein Kerl, der uns einen Transfer für 110 Dollar pro Nase anbot, war anschließend nicht mehr aufzufinden. Ein Dorfbewohner machte uns mit einem Bootsbesitzer bekannt. Der Typ, den er uns vorstellte, hatte ein Haifischgesicht, anders kann ich ihn nicht beschreiben. Er besaß ein abgeflachtes, bleiches Gesicht, keinen Hals, und eine äußerst herablassende Art zu sprechen. Mit den Kubanern hatte er sich eine goldene Nase verdient, und als Zeichen seines hohen Status hatte er sich die Zehennägel silbern lackiert!!


Das Haifischgesicht wollte 150 Dollar pro Person, eine Summe, die wir, weil wir mit einem Bruchteil davon gerechnet hatten und ich in Lateinamerika ungern größere Mengen an Bargeld mitführe, knapp nicht zusammenbrachten. Als wir ihm und seinen silbernen Zehennägeln den Rücken zukehrten, hörte ich ihn höhnisch zu dem Dorfbewohner sagen, dass wir schon weich werden würden, sobald wir herausfänden, dass wir ohne ihn nicht wegkämen von hier.


In diesem Moment war es beschlossene Sache: Wir fuhren zurück nach Kolumbien, und zwar nach Cartagena! Der nächste in Capurganá verfügbare Höllenritt brachte uns nicht nach Turbo, sondern nach Necoclí, was mir sehr recht war.
 

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