Wo der Kondor fliegt

Wir fuhren zurück nach Lima und fanden dort einen kühlen, gemütlichen, sauberen und gut bewirtschafteten Bus nach Huaraz. Huaraz ist ein hässliches Loch, wir verbrachten einen Teil des Abends in einer netten Gaststätte am Hauptplatz und bestellten, weil die Speisekarte nicht viel hergab, eine Pizza Hawaii. Selbige wird in Lateinamerika nicht mit Ananas-Stücken, sondern mit kandierten Kirschen serviert, warum, weiß ich nicht. Vor dem Fenster marschierte eine bunt gekleidete Indianerin mit einem kleinen Alpaca auf und ab, ein Zeichen dafür, dass es in der Stadt Touristen gibt. Und diese Touristen wollen in die Berge.


Wir verbrachten einen unangenehmen Abend in unserer Herberge (Ein Nachbar arbeitete hinter der Wand unseres Zimmers mit einem Presslufthammer, als ich den Übeltäter ausfindig gemacht hatte, sagte man mir lapidar, dass er bald fertig sei, und knallte die Tür wieder zu) und setzten uns früh am Morgen, als es regnete und stockdunkel war, in den Bus Richtung Llamac. Unterwegs mussten wir in irgendeinem gottverlassenen Dorf umsteigen und fanden dort nach einigem Suchen einen winzigen Laden, dessen verschlafene Besitzerin sich bereiterklärte, für uns ein Frühstück zu richten.


Die Straße nach Llamac ist eine der ungezählten peruanischen Schotterpisten, die hoch über einem Fluss an Felswänden kleben, auffällig ist allenfalls, dass es hier außer dem ein- oder zweimal täglich verkehrenden Bus offenbar keinerlei Verkehr gibt, und auch keine Menschen. Das öde Tal, durch das wir kurvten, war vollkommen verlassen.


Llamac ist ein winziges Dorf am Ende der Welt. Wir verschwendeten keine Zeit und machten uns auf in die Cordillera Huayhuash! Innerhalb der Anden sind die Huayhuash-Berge ein ganz besonderes Juwel: Wild, einsam, mit blaugrünen Seen, schneebedeckten Bergen und Gletschern. In den folgenden drei Tagen trafen wir nur einmal auf Touristen, es handelte sich um zwei Jugendliche, die mit Führer und Packesel unterwegs waren. Unsere Packesel waren wir selber, und anstelle eines Bergführers hatten wir eine grobe Wegbeschreibung mit einer wenige Quadratzentimeter großen Karte, die ich in einem Reiseführer abfotografiert hatte.


Der Weg war steil, aber nicht besonders schwierig, nach wenigen Stunden überquerten wir den 4.300 Meter hohen Llamac-Pass. Weiter ging es über Felsen, Wiesen und durch ein kleines Wäldchen in Richtung Hochgebirge. Kurz, bevor wir die Laguna Yahuacocha erreichten, schlugen wir in einer kleinen Wiese, die mit Tierskeletten übersät war, unser Lager auf. Die Höhe (ca. 4.200 m) machte mir nichts aus, aber ich stellte wieder einmal fest, dass es keine gute Idee war, mich zum Heringe-Einschlagen tief hinunterzubücken – dann wurde mir nämlich sofort schwindlig.


Am nächsten Tag in der Früh erreichten wir nach kurzer Wanderung die Laguna. Ein prachtvolles, aquamarinblaues Gewässer mit steil aufragenden Felswänden dahinter. Eine einzige Steinhütte stand neben dem Weg, mit einem Strohdach oben drauf, und aus dieser Steinhütte kam nun, als ob sie auf uns gewartet hätte, wie eine Hornisse eine dicke, ältere Frau herausgeschossen.


Sie grüßte kurz und informierte uns alsdann, dass wir pro Person 40 Soles zu zahlen hätten – ansonsten sei unsere Sicherheit nicht gewährleistet. Von Schutzgeld war in dem Reiseführer, den ich konsultiert hatte, nicht die Rede gewesen, allerdings erinnerte ich mich vage daran, dass das Gebiet ein Nationalpark war und wir Eintritt zahlen mussten. Ich bat die Dame, uns eine offizielle Rechnung auszustellen, und als sie meinte, keine Rechnungen vorrätig zu haben, schickten wir uns an, weiterzugehen. Woraufhin sie missmutig das entsprechende Formular hervorzauberte und uns den offiziellen Eintrittspreis verrechnete (30 Soles). Fest entschlossen, doch noch ein wenig mehr Geld aus uns herauszukitzeln, machte sie Werbung für ihre verfilzte Hütte und erzählte allerhand Geschichten von Touristen, die es vorgezogen hätten, in der Wildnis zu schlafen. Diejenigen, die Glück gehabt hätten, wären halb verhungert und bloßfüßig aus diversen Räubernestern zurückgekehrt und hätten sie um Hilfe angefleht.


Wir bedankten uns herzlich und liefen ein paar Minuten später einer weiteren Dame über den Weg, die dasselbe Geschäftsmodell an uns ausprobierte. Sie erklärte unsere Rechnung, die wir stolz präsentierten, für gefälscht, und schlurfte dann schmollend von dannen.


In den folgenden Stunden kletterten wir immer höher und beobachteten dabei, wie in den senkrechten Felswänden des Rondoy beinahe im Minutentakt kleine Lawinen abgingen. Zwischen den Flanken des Jirishanca und des Yerupajá floss ein arg zerklüfteter Gletscher zur Lagune hinunter.


Eine Spielwiese der Österreicher! Die schwierigsten Erstbesteigungen wurden hier von Tirolern durchgeführt. Im Jahr 1969 durchstiegen Reinhold Messner und Peter Habeler die Ostwand des 6.635 m hohen Yerupajá, Erich Gatt und Klaus Springfeld schafften 1986 die Yerupajá-Westwand – die höchste Eiswand in den Anden. Nur ein paar Kilometer südlich von dem Ort, an dem wir standen, spielte sich im Jahr 1985 das in „Touching the Void“ verfilmte Drama um Joe Simpson und Simon Yates ab – Simpson verletzte sich da oben schwer und wurde von Yates abgeseilt. Schließlich stürzte Simpson über eine Eisklippe ins Nichts und hatte keine Kraft mehr, sich hochzuziehen. Yates, der ihm nicht helfen konnte und über den Pulverschnee schön langsam selbst in den Abgrund rutschte, schnitt das Seil durch und Simpson stürzte ins Leere. Er fiel in eine Gletscherspalte, überlebte wie durch ein Wunder und schaffte es trotz schwerster Verletzungen, sich aus der Gletscherspalte zu befreien und bis ins Lager zurückzukriechen.


Zoryana und ich näherten uns dem 4.690 Meter hohen Cacanapunta-Pass (Nicht, dass wir seinen Namen gekannt hätten – so detailliert war unsere Karte nicht). Oben angekommen, machte es plötzlich wuuuuuuuuuuuusch, und ein riesiger Kondor rauschte über unsere Köpfe hinweg. So ein Kondor ist kein Spatz, der planlos in der Gegend herumschießt… Ein Kondor, stellten wir fest, fliegt schnell, gleichmäßig, und elegant. Ein Kondor hat ein Ziel.


Zurück im Tal zelteten wir am äußersten Ausläufer eines kleinen Hügels. Der Sonnenuntergang über den schneebedeckten Sechstausendern war von einer nie gekannten Pracht, orange und rot und atemberaubend. Meine Kamera versagte vollständig.


In der Früh beschloss Zoryana, heute einmal auszuschlafen. Von den wenigen vorbeireitenden Indios mit ihren Hüten und Pferden und Eseln schien keine Gefahr auszugehen, also borgte ich mir Zoryanas kleinen Stoffrucksack aus, den sie sich in Ollantaytambo gekauft hatte, und machte mich auf den Weg zum 4.850 Meter hohen Llaucha-Pass. Eine ganz verfluchte Angelegenheit!


Der Weg stieg in steilen Serpentinen neben einem Wasserfall empor, es folgte ein liebliches Tal mit Kühen und Stieren, die mich friedlich anglotzten. Schwarz-weiß gaben sich die Sechstausender von hier aus, die niedrigeren Berge waren interessanterweise rot und grün. Dann verlor sich der Weg. Ich folgte dem einen oder anderen Lamapfad und kletterte schließlich, weil mir die Lamapfade auf die Nerven gingen, in gerader Linie dorthin, wo ich den Pass vermutete.


Wenig später identifizierte ich den Pass, ich befand mich genau darüber, rund 5.000 Meter über dem Meer. Ich kletterte hinunter, machte ein paar Fotos vom Nachbartal und trat alsbald den Rückweg an. Darauf hatten die Stiere, die etwas unterhalb die kargen Grasbüschel abrupften, gewartet. Sie senkten die schwarzen Köpfe und ab ging die Post!! Ich bin schon lange nicht mehr so schnell gelaufen.


Glücklicherweise überlegten sie es sich nach wenigen dutzend Metern anders und ich gelangte unbeschadet bis zum nächsten Stier, der in der Nähe des Baches weidete. Auch dieses hässliche Exemplar musste etwas gestochen haben, denn es senkte seinen Dummkopf und machte sich daran, mich zu vertilgen. Ich sprang über den Bach, was sich ganz knapp ausging und nur deshalb möglich war, weil ich fast nichts am Rücken hatte. Etwas weiter vorne blockierte ein weiterer Bulle den Weg – ich sprang munter hin und her, aber dann wurde der Bach zu breit und zu reißend für solche Manöver. Ich näherte mich dem Wasserfall, und die letzten Ochsen, denen ich begegnete, hatten Mitleid mit mir, und ließen es nach dem einen oder anderen Scheinangriff gut sein. Blöde Rindviecher!! Ich passierte ein halbverwestes Pferd und erreichte schließlich das Zelt, in dem ich eine unverweste Zoryana vorfand.


Es war sonnig geworden, der Schnee glitzerte, und der Rückweg war wunderschön. Dann erreichten wir eine Kreuzung und nahmen den unteren Weg, weil der gerade war – es gab ja nur ein Tal, und wir waren der Ansicht, eine einfachere Variante gefunden zu haben. Zweifellos würden sich die zwei Wege ein paar Kilometer weiter Richtung Llamac-Pass wieder treffen. Schon beim Anmarsch hatten wir uns mehrmals intuitiv für den richtigen Weg entschieden (Mit Wegweisern ist das dort nicht so).


Aber die beiden Wege trafen sich nicht mehr, und schließlich begann sich das Tal, in dem wir marschierten, abzusenken. Zurückgehen? Das würde eine weitere Nacht in den Bergen bedeuten, wir lechzten nach einer Dusche und hatten soeben unsere letzten Vorräte vernichtet. Von der lästigen Alten wollte ich mich nicht bewirten lassen. Weitergehen? Der Weg führte potenziell ins Nichts und war auf jeden Fall um ein Vielfaches länger als der andere. Die dritte Variante? Ich versuchte, anhand unseres Tempos und der Zeit, die wir zwei Tage vorher vom Pass zum Zeltplatz benötigt hatten, unsere ungefähre Position zu errechnen und kam zu dem Schluss, dass wir uns ungefähr unter dem Llamac-Pass befinden mussten. Das Gelände schien einfach, es war im Prinzip eine sehr steile, sehr hohe Wiese. Also kletterten wir. Ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es nicht, vor allem, weil Zoryana Schwierigkeiten mit dem Gelände hatte und immer müder wurde, aber in der allerletzten Abenddämmerung standen wir plötzlich am Llamac-Pass.


Drei Stunden später waren wir im Dorf und fanden eine primitive Herberge – einen Palast, wie mir schien! Allerdings war das Wasser so furchtbar kalt, dass wir es vorzogen, ungeduscht ins Bett zu fallen. Früh am nächsten Morgen begann unmittelbar vor unserer Tür ein Hahn zu krähen. Ich jagte ihn weg und torkelte zurück ins Bett, woraufhin er noch schriller zu krähen begann: Der Hahn, zweifellos ein Spießgeselle der verdammten Stiere, befand sich auf einem Rachefeldzug. Ich fiel in einen unruhigen Dämmerschlaf, in dem es mir so vorkam, als ob ich ein Maschinengewehr in der Hand hätte. Damit heizte ich dem Hahn den Kopf weg. Das Blut spritzte nach allen Seiten.

 

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