Russland unzensiert IV

Allen Lesern einen herzlichen Wintergruß aus dem größten Gefrierschrank der Welt, Russland! Nischni ist seit Wochen von einem mehrere Zentimeter dicken Eisfilm überzogen. Kies und Salz kennt man hier nicht, was vor allem für die älteren Bewohner der Stadt jeden Schritt, den sie außer Haus zurücklegen, zu einer gefährlichen Unternehmung macht.


Bezüglich der Kälte ist zu sagen, dass sie mir weniger kalt vorkommt als daheim und dass ich bei -15° deutlich weniger friere als bei 0° und feuchtem Wetter. Sobald die Temperaturen unter -10° fallen, scheint hier fast immer die Sonne.


Eingepackt wie eine Zwiebel, nehme ich die -20° manchmal erst nach ein oder zwei Stunden wahr. Was nervt, sind die Wimpern, die bei etwa -20° anfangen, zusammenzukleben. Mein Alptraum ist es, bei wesentlich tieferen Temperaturen (etwa in Sibirien) irgendwann die Augen nicht mehr aufzukriegen und plötzlich im Dunkeln zu stehen.


In Nischni wird mit Temperaturen um die -20° relativ lässig umgegangen, einzelne Individuen weiblichen Geschlechts folgen dem Grundsatz „Beinfreiheit muss leiden“ auch noch bei -25° (Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass die Wahnsinnigen auch bei -40° noch im Minirock über die Straße laufen würden, aber so kalt wars bis jetzt nicht in Nischni).


Der Dezember war der kälteste, den Russland in den letzten 50 Jahren gesehen hat, im Jänner und Februar sind Temperaturen um die -20-25° in Zentralrussland oder -40-50° im mittleren Ostsibirien normal. Die kälteste Großstadt der Welt, Jakutsk, war dieser Tage in den Schlagzeilen, weil dort bei     -47° in einigen Nachbarschaften die Heizungen ausgefallen sind, und in der ostsibirischen Siedlung Ojmjakon hat es in diesem Winter bereits im Dezember bis auf etwa -55° abgekühlt. Tatsächlich herrscht in ganz Russland extrem kontinentales Klima, ausgenommen sind nur ein schmaler Streifen an der Schwarzmeerküste und, bis zu einem gewissen Grad, die Küste am Kaspischen Meer und einige weitere Küstenstriche im Nordwesten und Südosten.


Bei -20° ist die Luft in Nischni oft von einem Glitzern erfüllt, was wunderschön anzusehen ist und unmöglich zu fotografieren.
Anlässlich des Weltuntergangs am 21. Dezember gab es an der Uni einige kurze Vorträge, unter anderem von einer Redakteurin eines Magazins für Überirdisches, insbesondere UFOs. Sie behauptete, in ihrer Anfangszeit selbst daran geglaubt zu haben.


Weihnachten (Raschdestwó) wird in Russland nach wie vor nach dem julianischen Kalender begangen, also am 7. Jänner. In den meisten Familien wird allerdings nicht gefeiert, Neujahr ist viel wichtiger, auch die Geschenke gibts zu Silvester. Silvester (Nowyj god) wird wie bei uns am 31. Dezember gefeiert, parallel dazu wird mancherorts auch das Alte Neue Jahr (Staryj nowyj god) begangen, und zwar dem julianischen Kalender gemäß am 13. Januar.


Um die – gregorianische – Weihnachtszeit herum hab ich mir in der Oper erstmals den „Schelkúntschik“ bzw. „Nussknacker“ angeschaut. Russisches Ballett ist großartig und das Ticket für die erste Reihe kostet in Nischni, wenn man eins erwischt, nur 400 Rubel (zehn Euro). Etwas gewöhnungsbedürftig ist in russischen Opern und Theatern, dass die Leute auch zehn Minuten nach Vorstellungsbeginn noch in den Saal strömen und mit Handytaschenlampen nach ihren Sitzplätzen suchen.


Inklusive Lukas, der über Silvester aus Österreich angereist ist, haben wir bei Katja und Giovanni das Neue Jahr gefeiert, schön wars. Lukas und ich haben für die ganze Runde Wiener Schnitzel produziert und es in allerletzter Sekunde geschafft, den Fernseher in Betrieb zu setzen, für die traditionelle Neujahrsansprache von Präsident Putin um 23:57 Uhr. Putin gibt sich dabei, was Auftreten und Tonfall betrifft, stets als Märchenonkel und erzählt in wenigen, sich im Wesentlichen Jahr für Jahr wiederholenden Worten, dass die Gegenwart gut und schön ist und dass die Zukunft, wenn alle Russen zusammenhalten, sogar noch besser wird.


Anstelle von Neujahrsvorsätzen gibt es verschiedene teils nicht besonders alte Traditionen, eine davon, die wir an der Uferstraße zelebriert haben, ist, fonáriki in den Nachthimmel steigen zu lassen. Es handelt sich um bis zu einen Meter große Heißluftballons (laut Wikipedia heißen die Dinger auf Deutsch Kong-Ming-Laternen und sind in Österreich verboten) aus Papier, die man zusammengefaltet um 100 Rubel kaufen kann. Man schreibt einen Wunsch auf die Hülle und lässt den Ballon in den Himmel steigen – das sieht schön aus und der Wunsch erfüllt sich anschließend unbedingt.


Anschließend war ich mit Lukas einen halben Tag in Wladímir und eine halbe Woche in Moskau. In Moskau wird einem nie langweilig, weil es da immer noch etwas zu entdecken gibt, aber wenn eine Stadt beinahe doppelt so viele Einwohner hat wie Österreich, ist mir das schlicht zu groß. Als einer, der das beschauliche Leben in Wien und Nischni gewohnt ist, fühle ich mich in Moskau den ganzen Tag von zigtausenden Leuten herumgestoßen. Gefühlsmäßig trifft man im Umkreis der – großartigen – Moskauer Metro zudem mehr seltsame Leute als anderswo in Russland. Jeder stellt dort Schlag 23 Uhr fest, dass er der angsteinflößendste oder coolste Typ ist oder derjenige, der am dringendsten eine Zigarette benötigt. Bis man ihnen allen am liebsten eine Kong-Ming-Laterne auf den Kopf hauen würde.


Eine nette Eigenart der Russen ist es, auch Wildfremden auf der Straße ein gutes neues Jahr zu wünschen, auch einige Tage vor und nach dem eigentlichen Jahreswechsel. Unterkunftsmäßig waren wir in Moskau wieder einmal couchsurfen, diesmal bei einer Bekannten von Lukas, Mascha, die jede Menge interessante Geschichten auf Lager hatte. Beispielsweise von ihrem ersten Englisch-Schulbuch, in dem ein „Comrade Petrov“ Anfang der 90er-Jahre sehr fehlerhaftes Englisch vermittelte oder von einem Vorfall, als sie vor ihrer Haustür einen regungslosen Kerl entdeckte, die Polizei anrief und dort – wie könnte es anders sein in Russland – alle Leitungen besetzt waren. Maschas Opa lebt in der Stadt Sarow, einer geschlossenen Stadt in der Oblast Nischni Nowgorod, in der unter anderem die Zar-Bombe hergestellt wurde. Die Stadt gleicht bis heute einer Festung, betreten darf sie mit spezieller Erlaubnis außer ihren 92.000 Einwohnern nur, wer dort nahe Verwandte hat. In den Nachrichten gibt es in Sarow nicht nur eine Wetterprognose, sondern auch die aktuellen Radioaktivitätswerte für verschiedene Stadtteile.


Wir verbrachten ein paar vergnügliche Tage mit Mascha und ihrer Freundin Luba, mit Julia und Olga. Wir besuchten drei Museen (für die wir uns bis zu zwei Stunden anstellen mussten), unter anderem die wirklich fabelhafte und viel zu riesige Tretjakowskaja galereja. Vor der MGU (Moskauer Lomonossow-Uni) betätigten sich auf einer Straßenkreuzung ein Haufen Leute, die geistig minderbemittelt, aber hervorragend motorisiert waren, im Driften. Es war spannend, die scheinbar unkontrolliert kreiselnden Autos zu beobachten und – neben den aufgemotzten Sportwagen fand sich auch ein uralter Lada. Leider blieb das legendäre Gefährt immer, wenn es eigentlich mit Schwung um die Kurve segeln sollte, einfach stehen.


Joa... Und jetzt bin ich wieder hier in Nischni, lerne Russisch, schaue Filme und treffe Leute (Zu den Filmen, die aus anderen Sprachen ins Russische synchronisiert werden, noch eine Anmerkung: Selbige werden bis heute oft nicht völlig synchronisiert, sondern nach dem Prinzip „voice over“; eine oder mehrere Stimmen (vor allem in älteren Filmen häufig eine monotone Männerstimme, die alle Rollen, auch die Frauenrollen, spricht) werden über den Original-Ton gelegt, wobei der Original-Ton im Hintergrund leise hörbar bleibt. Wenn man das nicht gewohnt ist, macht dieses Verfahren die meisten ins Russische übertragenen Filme völlig ungenießbar). Insofern alles bestens und nix Neues. Grüße in die Subtropen!